Problem Urheberrecht: Die Deutsche Digitale Bibliothek (2)

Nachdem ich mich in meinem letzten Beitrag über den (aus meiner Sicht) missglückten Start der DDB geärgert habe, möchte ich heute einige allgemeine Überlegungen zum Thema Urheberrecht und Bibliotheken anstellen. Vertreter der Verlagsbranche fordern ja in Hinblick auf das Internet, dass man das Urheberrecht mindestens beibehalten, wenn nicht gar verschärfen muss. Ich wage die Behauptung, dass das bestehende Recht online weitaus rigoroser angewendet wird als in der Offline-Welt, mit verheerenden Folgen für den Zugang zu Kultur.

Bibliothek

 

Ein Beispiel: Wenn ich in meine kleine Stadtteilbibliothek gehe, weiß ich, dass ein Großteil der dort verfügbaren Bücher und Filme urheberrechtlich geschützt sind. Trotzdem stehen sie im Regal. Ich kann sie anschauen, darin blättern, oder – sofern ich die Zeit habe – von Anfang bis Ende durchlesen. Wenn ich etwas mitnehmen möchte, kostet das eine Leihgebühr, die allerdings sehr gering ist. Man stelle sich vor, auf die Frage nach dem 1901 erschienenen Roman „Buddenbrooks“ erhielte man als Antwort, das Werk sei leider aus urheberrechtlichen Gründen aus dem Regal entfernt worden.

Was in der realen Welt absurd klingt, ist online bittere Realität.

Eine Realität, mit der sich auch die DDB auseinandersetzen muss. Ich habe mich mit ein paar Fragen an die Geschäftsstelle gewandt:

Das Problem des Urheberrechts wird auf Ihrer Seite zwar erwähnt, aber eher am Rande. Für mich stellt dies allerdings ein sehr zentrales Problem dar: derzeit sind weder die „Buddenbrooks“ noch die „Blechtrommel“ zu finden – bei allem Verständnis für die Rechtslage ein unbefriedigender Zustand.

Wenn es um die Frage von open-access zu geschützten Inhalten geht wird das Urheberrecht von den Verantwortlichen der DDB nicht als Problem begriffen. Innerhalb des Systems Urheberrechts sind die verschiedenen urheberrechtlichen Interessen in einen gerechten Ausgleich zu bringen. Das bedeutet, dass bei der Sicherstellung des Zugangsinteresses der Allgemeinheit an wichtigen Werken gleichzeitig sichergestellt sein muss, dass die Urheber dieser Werke auch vergütet werden. Im Ergebnis müssen mit den Urhebern bzw. Rechteinhabern entsprechende vertragliche Absprachen getroffen werden. Hier sind wir erst ganz am Anfang. Die DDB wurde in einer Beta-Version zum frühest möglichen Zeitpunkt gestartet, um das Potential sichtbar zu machen. Vorrangig geht es nun darum, schnell ein möglichst großes Angebot an digitalen Inhalten sichtbar zu machen. Gegenwärtig liefern 90 Einrichtungen Daten an die DDB um ihre digitalen Angebote über die DDB sichtbar zu machen. Hierbei handelt es sich zunächst um nicht kommerziell verwertete Inhalte.

Mich würde interessieren, wie Sie hier weiter zu verfahren gedenken. Sind Sie mit den Urhebern/ den Partnerinstitutionen im Gespräch?

Urheber kommerziell verwerteter Werke werden durch Verwertungsgesellschaften und Verlage vertreten. Mit diesen führen wir gegenwärtig noch keine konkreten Gespräche. Dies wird jetzt angegangen werden. Die Gespräche mit den Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen haben allerdings zunächst Vorrang.

Wann und in welcher Form werden die wichtigen Werke der letzten 70-100 Jahre in der DDB zugänglich sein?

Das ist im Moment schwer vorherzusagen. Details und Verfahren sind noch zu klären.

Ist allein das Urheberrecht das Problem oder auch die Kosten einer umfassenden Digitalisierung er Werke?

Das Urheberrecht erfordert eine Abstimmung mit den Urhebern (bzw. deren Interessen verwertenden Instanzen) und im Ergebnis kostet die öffentliche Zugänglichmachung ebenso wie die davor liegende Digitalisierung natürlich auch Geld. Die Problematik der Zugänglichmachung von verwaisten Werke, also solchen Werken, die zwar noch urheberrechtlich geschützt sind, deren Urheber aber nicht auffindbar sind, wird perspektivisch nach Erlass der RL2012/28/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Oktober 2012 über bestimmte zulässige Formen der Nutzung verwaister Werke (Abl. L 299 vom 27.10.2012, S. 5)  einer Lösung zugeführt werden.

(Es antwortete mir Frau Dr. Euler, Leiterin der Geschäftsstelle der DDB)