Krise der Werte

Gestern haben mich drei ganz unterschiedliche Artikel zum nachdenken gebracht: einmal Patrick Breitenbachs Blogpost Die Haltung in der Krise, Sascha Lobos SPON-Kolumne über den zunehmenden Netzhass und schließlich die Bildzeitung mit einem Beitrag über eine ebenso unglaubliche wie unsinnige Beschäftigungstherapie für Langzeitarbeitslose (mehr Infos hier).

Tristesse

Während Breitenbach darüber nachdenkt, warum wir nur noch über Krisen reden (Bankenkrise, Euro-Krise, Zeitungskrise…) und dahinter eine tiefere Sinnkrise unserer Gesellschaft vermutet, widmet sich Sascha Lobo dem wachsenden Internethass, u.a. den kaum zu fassenden Anfeindungen, welche die Piratenpolitikerin Julia Schramm derzeit ertragen muss. Bereits am Grübeln, las ich mittags am Kiosk „Jobcenter treibt Hartz-VI-Empfänger an – Schrittzähler für Arbeitslose“. Der Mittagshunger war erst einmal vergangen.

Sind wir eigentlich noch bei Trost? Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, dass wir die staatliche Grundsicherung von Arbeitslosen nach einem ehemaligen VW-Vorstandsmitglied benennen, das dem niedersächsischen Schröder-Maschmeyer-Wulff-Sumpf entstammt und wegen der Veruntreuung von Firmengeldern verurteilt wurde? Wie kann es sein, dass ein Brandenburger Jobcenter unter dem Deckmantel eines „Wetbewerbs“ mit „noch unbekantem Preis“ seinen hoffnungslosen Klienten Schrittzähler anheftet und sich noch nicht einmal jemand darüber empört?

Ich fürchte, wir haben uns daran gewöhnt, dass es ein Prekariat gibt, das teilweise entmündigt und unfrei sein Leben fristet. Solange es uns nicht betrifft, wollen wir von dieser Parallelgesellschaft nichts wissen. Ebenso haben wir uns daran gewöhnt, dass sich der Euro – ein beispielloses Gemeinschaftsprojekt, auf das wir Europäer eigentlich stolz sein sollten – in einer Rettungs-Endlosschleife befindet. Wir begleiten den Niedergang traditioneller Wirtschaftszweige wie die Printbranche mit Häme, haben aber heimlich Angst, dass darauf eine ungewisse, vielleicht gar nicht so schöne Zukunft folgt.

Ich stimme Patrick Breitenbach zu, wenn er von einer Sinnkrise spricht. Sinn hat mit Werten zu tun, mit Wertschätzung. Welchen Wert hat ein Mensch, wenn man ihn so behandelt wie es der BWL-Praktikant Slaven beschreibt? Welchen Wert hat die kleine Wundermaschine namens iPhone, wenn sie bereits nach zwei Jahren auf dem Elektroschrott landet?

Wir müssen versuchen, den Dinge und vor allem den Menschen wieder mehr Wert zu geben. Breitenbach beschreibt das folgendermaßen: Es geht um jeden verdammten einzelnen Menschen, den ich treffe. Ich bin zu jedem Menschen freundlich, egal wie er aussieht, egal wer er ist. Jeder zufriedener Mensch, dem ich begegne ist ein Botschafter. Jeder unzufriedener Mensch ist eine große Chance ihn zufrieden zu stellen. Ich glaube nichts respektieren und wertschätzen Menschen so sehr als das Signal, dass man sie ernst und wichtig nimmt. Jeden Einzelnen.