Das Turbo-Web. Eine Polemik

Es ist an der Zeit, wieder einmal den Advocatus Diaboli zu spielen – wer mich kennt weiß, wie gerne ich das tue:-)

Frank Tentlers Post Social Web auf Speed hat mich auf ein Thema gebracht, das mich schon länger beschäftigt, über das ich mich aber noch nicht zu bloggen getraut habe. Also um gleich mal den Druck rauszunehmen – ich bin kein Hellseher, sondern nur ein durchschnittlich begabter Mensch, der beobachtet und sich seine Gedanken macht.


(Quelle: Jodi K./ Flickr)

Dennoch wundere ich mich, dass so Viele nicht sehen, was mir offensichtlich erscheint: In diesem Tempo kann es nicht weitergehen! Wer das in Hinblick auf die Wirtschaft sagt, erntet im Allgemeinen Beifall, im Zusammenhang mit dem (Social) Web gelten solche Äußerungen eher als Ausdruck von Querulantentum und Rückständigkeit. Dabei sind doch die globale Wirtschaft und das Web nicht voneinander zu trennen: Ein Beleg dafür ist die schlichte Tatsache, dass unsere Vorstellung von und unser Umgang mit dem Internet heute von ein paar globalen Megafirmen definiert wird, ein anderer sind die giftigen Müllhalden Afrikas, auf denen Kinder die wertvollen Rohstoffe aus dem iPad1 herauslösen um sie für die Produktion des iPad2 wieder verfügbar zu machen (man verzeihe mir die Platitüde). Die Produktpaletten mobiler Endgeräte lösen einander in immer kürzer werdenden Zyklen ab.

Die absurde Beschleunigung des aktuell zu beobachtenden Turbo(web)kapitalismus zieht demnach auch ein gefühltes Getriebensein nach sich, vor allem bei denjenigen, die vom Medium Internet finanziell abhängig sind oder glauben, dies sein zu müssen. Immer mal wieder beschreiben auch digitale Meinungsführer in merkwürdigen Blogposts ihren Überdruss und träumen vom Ausbruch aus dem digitalen Kokon oder von neuem Tatendrang in der Offline-Welt.

Das Hamsterrad, in dem sich all die Webberater, PR-Spezialisten und Content Manager befinden, erzeugt (bei ihnen selbst) die Illusion, dass das Web zum Dreh- und Angelpunkt der Welt geworden ist, ein Leben ohne dasselbe zwar möglich, aber sinnlos sei (frei nach Loriot). In Phasen, wo ich mich selbst intensiv damit beschäftige, glaube ich das zuweilen auch, erhalte aber immer wieder die nötige Erdung durch meine Arbeit mit ganz normalen Web-Usern, zum Beispiel jungen Musikern, die am DigimediaL Weiterbildungsprogramm der UdK Berlin teilnehmen. Diese haben einerseits Spaß daran, ein Tool wie WordPress kennenzulernen (und kreativ zu nutzen), andererseits betrachten sie Chancen und Risiken des Web sehr reflektiert, teilweise kritisch, in jedem Fall aber entspannt. Von „Speed“ oder „Hype“ keine Spur. Wer jetzt denkt: WordPress? Mit was für ollen Kamellen geht denn der Kohn hausieren? – dem sei gesagt: Get real! Komm zurück aus dem imaginierten Elfenbeinturm des unentbehrlichen und alle zu interessieren habenden Turbo-Webs. 

Wie es weitergeht, wage ich nicht zu prognostizieren. Vielleicht könnte es Gerd Leonhard, wenn er nicht so sehr mit der Pflege seiner eigenen Marke beschäftigt wäre. Aber das ist ja gerade das Dilemma: aus der Dauerwerbesendung namens Social Web haben sich digitale Vordenker wie etwa Jaron Lanier weitestgehend zurückgezogen und hinterlassen uns – quasi als Mahnung – wunderbare Websites wie diese (ich meine das beinahe ernst!):

Lanier2

Die „Frühzeit“ des Internet habe ich leider nicht miterlebt und ich beneide die „Urväter“ darum, dass sie damals mehr Zeit und Muße für eine kreative Nutzung des Internet und das Philosophieren darüber hatten. Diese Zeit kommt nicht wieder, also liegt es an einem selbst, die Dinge in die Hand zu nehmen und die Spreu vom Weizen zu trennen.

Ich persönlich habe zum Beispiel beschlossen, mich für Facebook nicht mehr interessieren zu müssen – nicht für die neue Timeline oder all die anderen wöchentlichen Neuerungen und auch nicht für die Updates meiner lieben „Freunde“ (wer wirklich was zu sagen hat, den treffe ich auch bei Twitter an, in meinem RSS-Reader oder – noch besser – in der Kneipe). Die einzige Ausnahme stellt eine kleine aber feine FB-Gruppe Berliner Social-Web-Leute dar, ich hoffe aber, dass wir damit bald woandershin ziehen werden. Manipulative Kommerzangebote wie Klout verabscheue ich noch mehr als Juwelo-TV, also bleiben (abgesehen von wenigen Ausnahmen) meine beiden Blogs und Twitter. Vielleicht irgendwann nur noch ein Blog, den eine Handvoll Leute gut findet, weil ich dann die Zeit haben werde, interessante, gut recherchierte Artikel zu posten. Oder schalte ich ganz aus? Vielleicht hilft Loriot?

Ein Leben ohne Internet ist zwar unmöglich aber sinnvoll.
 

Update:
der Satz über die FB-Freunde war etwas unbedacht formuliert, da sich in der Tat viele liebe und echte Freunde darunter befinden. Mich interessieren auch weiterhin deren Posts, sofern ich zufällig mal reinschaue, was in nächster Zeit aber seltener vorkommen wird…