Bloggen, meine Anfänge #1

Gemeinsam mit Kulturmanagement-Blogger Christian Henner-Fehr möchte ich an dieser Stelle eine neue Reihe starten: Unter dem oben genannten Motto sollen in den nächsten Wochen und Monaten Blogger aus dem Kulturbereich zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen – positiv wie negativ – berichten.

Den Anfang macht die Schriftstellerin Petra van Cronenburg:

Kürzlich habe ich die Texte meines Blogs „cronenburg“ abgesichert und bin heftig erschrocken: über 600 Seiten seit Anfang 2009. Warum schreibst du in der Zeit nicht lieber ein Buch, werde ich oft gefragt. Was bringt dir das Bloggen?

Media_httpwwwcronenbu_thwxv

Mein erstes Blog, unter einem Alias woanders versteckt, war eine experimentelle Spielwiese. Der Beruf musste schnell als Ausrede für den Zeitaufwand herhalten, schließlich muss eine Ein-Frau-Unternehmung schreiben und kommunizieren, wenn sie sich als Buchautorin, Journalistin, Texterin, PR-Frau und Übersetzerin verkaufen will. Durch völlig unorganisiertes, naives, spielerisches Herangehen und durch Umschauen in anderen Blogs lernte ich intuitiv, welche Register an Kommunikation man ziehen kann, wie interaktiver Austausch zustande kommt und wie nicht, wie sich ein Blog überhaupt herumspricht. So empfehle ich jedem, der sich die Zeit fürs Bloggen nehmen mag, nicht auf irgendwelche Moden und Musts in Sachen Social Media zu hören, sondern sich in unterschiedlichen Formen auszuprobieren.

Bloggen, sofern man mehr Inhalte bieten will als kurze Linktipps oder Videos, ist etwas für die nachhaltigere und langsamere Kommunikation. Es erlaubt mehr Tiefe, Hintergrundinformationen und sogar Diskussionen unter Kommentatoren als z.B. Twitter. Man kann Serien schreiben oder ein Thema von verschiedenen Gastautoren bearbeiten lassen. Bloggen kann sein wie Zeitungmachen oder wie ein multimediales Ereignis. Vor allem aber werden auch ältere Artikel immer wieder gelesen und ziehen durch Suchmaschinen neue Leser an. Damit stellt Bloggen auch eine Gefahr dar: Ein Blog zeichnet mit der Zeit ein sehr genaues Portrait des Bloggers, es ist wie eine Filmdokumentation ohne Bilder über eine Person oder Einrichtung. Spätestens hier muss dann Schluss sein mit Katzen-Content. Ein beruflich genutztes Blog braucht von Anfang an eine klare Redaktionslinie und Tabus wie Privatleben oder Interna über Dritte.

Noch eher als in herkömmlichen Medien entlarven Leser künstliche Masken in Blogs. Je mehr Leser den Eindruck haben, die PR-Frau missbrauche das Blog mal wieder für Ankündigungen oder Presseerklärungen, desto eher springen sie ab. Das Persönliche, das Authentische, das Menschliche steht im Vordergrund dieses Mediums. Im Blog kann ich meinen Lesern / Kunden / Fans etc. erzählen, was sie in Zeitungsberichten und PR-Texten eben nicht erfahren – aber ich muss es so erzählen, dass ich mich nicht schäme, wenn es morgen in der Zeitung stünde.

Woher aber Leser nehmen und nicht stehlen? Durch geschicktes Anbieten von Themen bekam ich Zufallsleser via Suchmaschinen. Die interessierten sich für „Rosenspritzmittel“ und „Verletzung durch Stachel“ – aber würde ich sie auch für eine Kulturgeschichte der Rose begeistern können? Warum eigentlich nicht? Ich probierte es mit einem launigen Stil, den ich mir in ernsthaften Sachbüchern nicht leisten kann, lernte jedoch schnell, dass die Suchmaschinensurfer untreu sind.

Wer ein Blog mit einem so wilden Sammelsurium gern las, musste sich zwangsläufig für die gleichen Themen begeistern lassen wie ich selbst – auch wenn er von dieser Begeisterungsfähigkeit noch nichts ahnte. Wenn ich häufig über russische Kultur schrieb, weil ich an einem Buch über die Ballets Russes arbeitete, würde ich alle vergraulen, die Russland hassten und das Thema affig fanden. Zuschriften à la „du wirst dir mit diesem affigen Thema noch übel schaden!“ bekam ich tatsächlich: Für mich ein Zeichen, dass ich genau auf dem richtigen Weg war. Mein Blog bekam offenbar ein geschärftes Profil, das sich mehr und mehr mit meiner Person verband: „Grenzgängerei“ wurde ein Thema.

Ich fürchte, Leserschaft kann man nicht planen. Ich glaube, dass ich durch mein Bloggen ein paar Bücher mehr verkauft habe – aber die Zahlen sind gegenüber den Leistungen des Buchhandels zu vernachlässigen. Ich kann mit dem Bloggen selbst kein Einkommen generieren und investiere inklusive Themenrecherche 30 bis 60 Minuten – fast täglich (meine Kaffeepausen). Ich habe nur ein einziges Mal einen Kunden direkt per Internet bekommen. Was habe ich also außer Spaß vom Bloggen?

Es sind die Kontakte, die Gold wert sind und meist unsichtbar im Hintergrund zustande kommen. Indirekt ergeben sich daraus auch Ideen für neue Projekte. Kunden, die mich außerhalb des Internets ansprechen, informieren sich über mich im Blog. Aber Bloggen muss in erster Linie Spaß machen, sonst hält man nicht durch.

Webseite: http://www.cronenburg.net
Blog http://cronenburg.blogspot.com
Twitter: http://www.twitter.com/buchfieber